Osteopathie: In guten Händen?

Geschrieben am 12. Sep 2016 | Kategorie  Allgemein | von Ralph Melchior |

Viele Eltern lassen ihre Säuglinge von Osteopathen behandeln – im Glauben, ihnen etwas Gutes zu tun. Im schlimmsten Fall setzen sie dabei die Gesundheit ihrer Kinder aufs Spiel.

Von Josephina Maier

Manchmal soll Sebastian Ropohl Termine für Kinder vereinbaren, die noch gar nicht geboren wurden. Ropohl ist kein Finanzexperte, der Pläne für die Zukunft schmieden soll, er ist auch nicht Leiter einer Eliteschule. Ropohl ist Orthopäde. Allerdings kein ganz normaler. Er bietet in seiner Praxis in Hamburg-Bergedorf etwas an, was in den vergangenen Jahren einen enormen Boom erfahren hat – obwohl die Wirkung umstritten ist: osteopathische Therapien für Säuglinge und Kinder. Osteopathen behandeln Patienten mit ihren Händen und wollen so eine Vielzahl an Krankheiten und vermeintlichen Störungen heilen können. Das Interesse an solchen Behandlungen, berichtet Ropohl, sei in den letzten Jahren stark gestiegen. Immer mehr Eltern riefen an, manchmal schon während der Schwangerschaft.

Es vergeht kaum ein Geburtsvorbereitungskurs ohne Hinweis auf das sanfte Wirken von Kinder-Osteopathen, große Geburtskliniken wie das Perinatalzentrum an der Asklepios Klinik Hamburg-Altona bieten neben Stillberatung und Elternschule längst einen „osteopathischen Check-up“ an – und die Eltern „sind begeistert“, vermeldet die Klinik. Die Liste der Krankheitsbilder, die Osteopathen bei Säuglingen und Kindern vorgeblich behandeln können, ist beachtlich. Das Spektrum reicht von Stillproblemen, chronischen Mittelohrentzündungen und Dreimonatskoliken über Hüftfehlbildungen, Neurodermitis bis hin zu Lernstörungen und dem notorischen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

Wolfram Hartmann ist ehemaliger Präsident und heutiger Ehrenpräsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Er sieht ebenfalls einen Trend zur Osteopathie: „In manchen Regionen Deutschlands geht inzwischen die Mehrheit der Eltern mit ihren Neugeborenen zum Osteopathen“, sagt er, „meistens auf Empfehlung der Hebamme.“ Diese Entwicklung, daraus macht er kein Geheimnis, bereitet ihm Sorgen. Vor drei Jahren veröffentlichte er im Magazin Kinder- und Jugendarzt einen Artikel, über dem stand: „Osteopathie – Marketinginstrument der Krankenkassen“. Es geht darum, dass inzwischen viele gesetzliche Krankenkassen die Kosten für osteopathische Behandlungen von Säuglingen und Kindern zumindest teilweise erstatten. Hartmann vermutet, die Krankenkassen benutzten den Trend zur Baby-Osteopathie als Lockmittel, um junge Eltern als Kunden zu werben.

Dabei, so warnt er, ignorierten die Kassen nicht nur fehlende Nachweise für eine Wirksamkeit der Methode. Sie nähmen auch in Kauf, dass durch osteopathische Behandlungen Kinder zu Schaden kommen könnten – und dass außerdem viel Geld verschleudert wird. Laut einer Recherche von NDR Info explodierten die Ausgaben der Krankenkassen für osteopathische Sitzungen geradezu, nachdem die Techniker Krankenkasse (TK) im Januar 2012 damit begann, die Behandlungen zu erstatten. Im Jahr 2012 bezahlten die Kassen 34 Millionen Euro für osteopathische Behandlungen, 2013 schon mehr als 110 Millionen – darunter fallen auch die Kosten für Säuglinge und Kinder. Der TK, die den Ansturm auf die Osteopathen losgetreten hatte, wurde die Sache schließlich zu teuer: Sie machte einen Rückzieher und begrenzte den Zuschuss für ihre Versicherten auf 120 Euro im Jahr.

Aber wieso eigentlich glauben Eltern, dass ihre Kinder die teure osteopathische Behandlung brauchen? Als Katja Lange* mit ihrem Sohn Leon in eine osteopathische Praxis ging, war er elf Wochen alt. „So wühlig“ sei er tagsüber gewesen, irgendwie unleidlich. Aus ihrem Rückbildungskurs, den sie zum Muskelaufbau nach der Schwangerschaft besuchte, gingen alle mit ihren Kindern zum Osteopathen. Bei allen Kindern bis auf eines, erzählt Katja Lange, sei auch etwas festgestellt worden. Sie muss selbst ein bisschen lachen, wenn sie das sagt. So als würde sie bezweifeln, dass mit so vielen Kindern etwas nicht stimmt.

Ihr Sohn Leon sei ihr eigentlich recht normal vorgekommen, erzählt sie. Wobei er ihr erstes Kind gewesen sei, „ich wusste gar nicht genau, was normal ist“. Stefanie Probst hingegen war aufgefallen, dass ihre Tochter Jana den Kopf leicht schief hielt, als sie drei Monate alt war. Und Leah Bergmann hatte Schwierigkeiten mit dem Stillen und fand es schwer auszuhalten, wenn ihre fünf Wochen alte Tochter Greta schrie.

Aber ist die angeblich ganzheitliche Heilmethode für Neugeborene wirklich so wirksam und so sanft, wie es ihr Ruf verspricht? Was genau machen die Therapeuten da mit den Kindern – und auf welcher wissenschaftlichen Grundlage?

Osteopathen sind oft Ärzte, meistens Orthopäden, die eine Zusatzausbildung absolviert haben. „Osteopath“ ist in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung. Außer Ärzten nennen sich hierzulande auch noch Heilpraktiker und Physiotherapeuten so. Sie alle berufen sich auf den Begründer der Osteopathie, den amerikanischen Landarzt Andrew Taylor Still. Ende des 19. Jahrhunderts gelangte er zu der Überzeugung, bestimmte Krankheiten gingen auf Fehlstellungen von Wirbelgelenken zurück. Wenn man diese Fehlstellungen behebe, ließen sich auch die damit assoziierten Krankheiten heilen.

Qualitativ hochwertige Studien existieren nicht

Das wichtigste Instrument sind dabei die Hände. Mit ihnen lösen Osteopathen angebliche Blockaden und Verklebungen an Gelenken und im Gewebe, die sich ungünstig auf den Rest des Körpers auswirken sollen. Sie unterscheiden drei große Teilgebiete ihres Wirkens: die parietale Osteopathie, bei der es um Muskeln und das Skelett geht; die viszerale Osteopathie, deren Fokus auf den inneren Organen und dem umgebenden Gewebe liegt; und die kraniosakrale Osteopathie, die sich mit Gehirn, Rückenmark und den Hirnhäuten beschäftigt. In den USA ist vor allem die parietale Osteopathie verbreitet. Dass sie bei Erwachsenen gegen Rückenschmerzen hilft, konnte inzwischen gezeigt werden – gut vorstellbar, wenn man bedenkt, dass Rückenschmerzen oft auf muskulärer Verspannung beruhen.

Für die viszerale Osteopathie hingegen existiert kaum wissenschaftliche Evidenz, und beim Einlesen in die Grundsätze der kraniosakralen Osteopathie bekommt ein rational-schulmedizinisch denkender Kopf das Grausen. Gehirn und Rückenmark, so die Lehre, würden in einem regelmäßigen Rhythmus schwingen, den der osteopathische Untersucher mit seinen Händen durch den knöchernen Wirbelkanal, zentimeterdicke Muskeln, Fettgewebe und Haut hindurch spüren könne. Die deutsche Gesellschaft für Neuropädiatrie nahm dazu schon im Jahr 2001 kritisch Stellung und schrieb damals etwas befremdet: Nach Ansicht von Osteopathen solle man allen Ernstes fühlen können, „dass der Kopf sechs- bis zwölfmal pro Minute schmaler und breiter werde“.

Qualitativ hochwertige Studien, die eine Wirksamkeit der Osteopathie bei Säuglingen und Kindern belegen, existieren nicht. In einer systematischen Analyse im Fachjournal Pediatrics urteilten die Autoren im Jahr 2013 nüchtern: „Allgemein betrachtet, befürworten kleine und verzerrte Studien die osteopathische Behandlung, während die größten und methodisch korrekten Studien keinen Effekt zeigen konnten. (…) Die mangelnde methodische Qualität und der Mangel an Studien überhaupt ist bemerkenswert. Solange keine Daten vorliegen, kann die Osteopathie nicht als effektive Therapie für Kinder betrachtet werden, und Osteopathen sollten das auch nicht behaupten.“

Trotzdem glauben viele ärztliche Osteopathen, die Kinder-Osteopathie sei keine Alternativmedizin. Sie gewähren bereitwillig Einblick in ihren Betrieb. Es ist nicht schwer, die Praxen zu besuchen, in denen sie Kinder zur Behandlung empfangen. Bei einigen reicht die Offenheit aber nur bis zu dem Punkt, an dem man ihr Handwerk kritisch hinterfragt. In der Diskussion bedienen sie sich typischer pseudowissenschaftlicher Argumente. So lasse sich etwa der kraniosakrale Rhythmus nicht nachweisen, weil der Untersucher ihn schon durch das Untersuchen beeinflusse. Deshalb sei es logisch, dass verschiedene Osteopathen unterschiedliche Rhythmen spürten.

Kinder-Osteopathen sind oft charismatische Menschen, erfahren im Umgang mit Säuglingen. Viele nehmen sich Zeit für ihre Patienten und die Eltern. Bevor Osteopathen mit der Untersuchung beginnen, befragen sie die Mutter genau zur Schwangerschaft, zur Geburt, zum alltäglichen Verhalten des Kindes. Die osteopathische Untersuchung und Behandlung der Säuglinge erfolgt mal auf einer Liege mit Kuscheldecke, mal auf dem Arm der Mutter.

Von außen betrachtet passiert nichts Spektakuläres: In einer Praxis für Osteopathie im Hamburger Norden liegt die kleine Anna beispielsweise auf dem Rücken, der Osteopath schiebt seine linke Hand unter ihren Po, die rechte liegt auf dem Bauch. Dann hebt er den Po vorsichtig an und fühlt, was sich tut. Kurz danach legt der Arzt die Finger seiner linken Hand auf Annas Stirn, die der rechten unter ihren Nacken und erklärt, im Kopf gebe es „eine kleine Spannung. Flüssigkeit strömt hoch und fließt nicht ganz wieder ab“. Dann drückt er mit der flachen Hand sachte auf Annas Brustkorb und kommentiert: „So, es wird oben immer freier.“

Annas Mutter nickt, obwohl sie nicht weiß, wovon er redet – und es auch gar nicht wissen kann, weil die Kommentare aus medizinischer Sicht keinen Sinn ergeben. In einer anderen Praxis erklärt der Osteopath den Eltern Bedenkliches, etwa dass Impfungen vor dem Ende des ersten Lebensjahres wissenschaftlich umstritten seien. Eine Aussage, die nicht stimmt und gefährlich ist, weil etwa Masern tödlich enden können.

Gefährlich ist aber auch noch etwas anderes: In Deutschland gibt es keinerlei Vorgaben, wie eine Ausbildung aussehen muss, damit sich ein Arzt, Heilpraktiker oder Physiotherapeut Osteopath nennen darf. Es gibt Schulen für Osteopathie, die mehrjährige Ausbildungen anbieten. „Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, Osteopathie im ‚Schnelldurchgang‘ zu erlernen, etwa in Wochenendkursen im europäischen Ausland. Ob die notwendige Qualität der Ausbildung dann gegeben ist, ist zumindest fraglich“, sagt Sebastian Ropohl, der Orthopäde und Osteopath aus Hamburg-Bergedorf. Er fordert zudem eine zusätzliche Ausbildung für die Ärzte, die eine Behandlung von Kindern und Säuglingen anbieten.

Nach der Ausbildung fragen

Bevor er selbst einen Säugling oder ein Kind osteopathisch behandelt, macht Ropohl eine gründliche neuroorthopädische Untersuchung. Ist der Befund auffällig, fertigt er im Zweifel erst ein Röntgenbild an. So will er ausschließen, dass ein Problem an den Knochen vorliegt, das sich durch osteopathische Manipulation noch verschlimmern könnte. Allerdings setzt Ropohl das Kind damit einer, wenn auch geringen, Strahlenbelastung aus. „Wenn die Eltern das Röntgenbild ablehnen, behandle ich das Kind impulsfrei“, sagt er. „Das bedeutet in erster Linie, dass ich mit den Händen keinen starken Druck ausübe.“ Dazu muss man wissen, dass eine Manipulation mit Druck auf die Halswirbelsäule dazu führen kann, dass gehirnversorgende Blutgefäße einreißen. Das passiert zwar sehr selten, der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer warnte aber in einer Stellungnahme zur Osteopathie bereits im Jahr 2009 davor.

Doch woher sollen Eltern wissen, an wen sie mit ihrem Kind geraten? Keine staatliche Stelle schreibt den osteopathischen Schulen in Deutschland vor, was sie ihre Auszubildenden lehren. Heilpraktiker oder Physiotherapeuten erhalten keine vollständige medizinische Ausbildung. Sie sind deshalb mit den wichtigen Differenzialdiagnosen oftmals nicht vertraut, also mit ernsthaften Krankheiten, die sich hinter dem Weinen oder der Fehlhaltung eines Säuglings verbergen könnten.

Im Fachjournal Klinische Pädiatrie berichteten Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover im Dezember 2009 von zwei Kindern, die als Symptom eines Hirntumors unter anderem eine Schiefstellung des Halses entwickelten. In beiden Fällen wurde das Warnzeichen von Osteopathen als sogenanntes KiSS-Syndrom interpretiert, eine osteopathische Diagnose, deren Existenz umstritten ist. „Die notwendige Diagnostik und Therapie wurde über Monate hinweg verzögert“, schreiben die Autoren.

Natürlich sind das Extremfälle, natürlich kann auch ein schulmedizinischer Kinderarzt einen Tumor übersehen, ein gut geschulter Osteopath eine Veränderung ertasten, die der Kinderarzt gar nicht wahrgenommen hätte. Aber so, wie das System hierzulande beschaffen ist, muss man mit Fällen wie den oben geschilderten rechnen. Vor allem dann, wenn Eltern mit ihren Säuglingen in Erwartung einer „sanfteren Medizin“ direkt zum Osteopathen gehen, ohne vorher beim Kinderarzt wenigstens vorbeizuschauen.

Einige Osteopathen sind sich des Problems zumindest teilweise bewusst. Christoph Bäumer ist Facharzt für Orthopädie und Osteopath in Hamburg-Blankenese und sagt: „Behandlungen mit allen Techniken, also auch osteopathischen, sind nur gut, wenn sie auch gut gemacht werden.“ Eltern sollten ihren Kinder-Osteopathen nach seiner Ausbildung fragen. Eine gute kinderosteopathische Schulung „dauert im Anschluss an die meist drei- bis fünfjährige Grundausbildung zum Osteopathen noch einmal zwei Jahre, mit universitärem Masterabschluss drei Jahre“, sagt Bäumer.

Warum aber laufen die Eltern in Scharen zu den Kinder-Osteopathen? Vielleicht sollte man sich in den Berufsverbänden der Kinder- und Jugendärzte darüber Gedanken machen. Offensichtlich fehlt vielen Eltern etwas in der Schulmedizin. Dass man sich für sie Zeit nimmt, ihnen zuhört und ihre Sorgen ernst nimmt. Auch wenn dem Kind aus medizinischer Sicht eigentlich nichts fehlt.

* Die Namen aller Mütter und Kinder sind geändert

DIE ZEIT Nr. 33/2016, 4. August 2016