Welche Säuglingsnahrung ist die beste?

Dank des Internets besitzen wir alle die Möglichkeit uns schnell und sicher über Qualität und Preis der verschiedensten Artikel des Alltags zu informieren. So sind auch Testberichte renommierter Anbieter über Säuglingsnahrungen mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen erhältlich. Wir möchten darauf hinweisen, dass für uns diese Testergebnisse schwer nachvollziehbar sind und wichtige Testkriterien gemeinnütziger und unabhängiger Verbraucherorganisationen nicht bzw. nicht angemessen berücksichtigt wurden. Um Ihnen einen Einblick in die Entwicklung von Säuglingsnahrungen zu geben veröffentlichen wir hier mit Genehmigung des Autors folgende Stellungnahme. Wir weisen explizit darauf hin, dass wir in keiner Weise in wirtschaftlicher oder sonstiger Beziehung zu den Herstellern von Säuglingsnahrung stehen!

Im kommenden Jahr tritt eine neue, EU-weite Verordnung zur
Zusammensetzung von Säuglingsnahrung in Kraft, die verpflichtende und optionale
Inhaltsstoffe neu definiert. Was es mit der Verordnung auf sich hat und worauf
aktuell der Fokus in der Forschung liegt, erklärt Prof. Dr. Bernd Stahl, Leiter
der Nutricia-Muttermilchforschung und der Analytik, und »Associate Professor of
Glycobiology am Department of Pharmaceutical Sciences« an der Universität
Utrecht (NL).

Was definiert die
EU-Verordnung zu Säuglingsnahrung?

Prof. Stahl: Die Verordnung beschreibt, welche Anforderungen
industriell hergestellte Säuglingsnahrungen erfüllen müssen. Hierfür wurden die
Vorgaben für obligatorische Zutaten wie Mikro- und Makronährstoffe sowie für
optionale Zutaten wie Prebiotika oder Arachidonsäure auf Basis neuer
wissenschaftlicher Erkenntnisse überarbeitet. Ab Februar 2020 müssen alle
Säuglingsanfangs- und Folgenahrungen diesen angepassten Anforderungen
entsprechen. Für HA-Nahrungen gilt die neue Verordnung ab Februar 2021.

Wenn die Verordnung
jetzt alles neu regelt, können Sie dann aufhören zu forschen?

Prof. Stahl: Nein, ganz im Gegenteil! Muttermilch ist und
bleibt der unangetastete Goldstandard für die gesunde Entwicklung von
Säuglingen. Wir versuchen uns zwar der Vielzahl an unterschiedlichen
Inhaltsstoffen bestmöglich anzunähern, aber es gibt viele Dinge, die wir noch
nicht verstehen. Hier müssen wir weiterforschen. Und das Beispiel Docosahexaensäure
(DHA) hat uns gelehrt, dass es sich auch lohnt.

Können Sie das
erklären?

Prof. Stahl: Forschungsbasierte Säuglingsnahrungen setzen
DHA bereits seit Jahrzehnten zu. Wir waren damals sogar die ersten. Mit der
neuen Verordnung wird der bislang optionale Inhaltsstoff jetzt für alle
Hersteller obligatorisch. Denn die Forschung hat gezeigt, dass DHA unter
anderem für die Gehirnentwicklung und das Immunsystem des Kindes wichtig ist.
Es ist ein Beispiel dafür, wie Forschungsbemühungen von Unternehmen neue Standards
setzen können. Das ist für mich Ansporn, stetig weiter zu machen.

Gibt es denn noch
Unterschiede zwischen verschiedenen Säuglingsnahrungen auf dem Markt?

Prof. Stahl: Ja. Die strengen Mindestanforderungen des
Gesetzgebers müssen alle Produzenten erfüllen. Als Hersteller
forschungsbasierter Säuglingsmilch gehen wir und einige andere aber noch einen
Schritt weiter: Neben den obligatorischen und optionalen Inhaltsstoffen, können
innerhalb des gesetzlichen Rahmens auch nicht spezifisch geregelte Zutaten eingesetzt
werden, sofern ihre Sicherheit und Wirksamkeit belegt sind. Hier seien
beispielhaft Probiotika sowie humane Milch-Oligosaccharide (HMOs) genannt.

Worauf liegt der
aktuelle Fokus Ihrer Forschung?

Prof. Stahl: In den letzten Jahren haben wir uns intensiv
mit prebiotisch wirksamen Oligosacchariden beschäftigt und eine spezielle
Mischung an Ballaststoffen (GOS/FOS im Verhältnis 9:1) entwickelt. Aktuell
versuchen wir HMOs in ihrer Gesamtheit besser zu verstehen. Zudem haben wir
begonnen, erste Strukturen wie 3’-GL und 2’-FL in unsere Nahrungen zu
integrieren.

Gibt es weitere
Schwerpunkte?

Prof. Stahl: Muttermilch ist nicht steril, sondern enthält
auch kommensale Bakterien, die auf natürliche Weise Stoffwechselprodukte
produzieren. Diese haben einen positiven Einfluss auf die Darmgesundheit. In
Säuglingsnahrungen können eine Vielzahl unterschiedlicher Stoffwechselprodukte
– auch Postbiotika genannt – seit Kurzem unter kontrollierten Bedingungen in
einem Fermentationsprozess während der Produktion erzeugt werden. Sie können
daher – genauso wie GOS/FOS und HMOs – forschungsbasierte Säuglingsnahrungen
sinnvoll ergänzen.

Ihr Fazit?

Prof. Stahl: Die Forschung schreitet sehr schnell voran und
auch auf regulatorischer Ebene passiert viel. Ich kann empfehlen, sich zu den
Neuerungen bestmöglich zu informieren. Letztendlich vertrauen viele Eltern auf
diesen Wissensvorsprung.

Herr Prof. Stahl, wir bedanken uns für das Gespräch.

Aus Praktische Pädiatrie 2019

Prof. Dr. Bernd Stahl, Utrecht (NL)“

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